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Depression und BurnoutVereine und Verbände können viel für gesunde Arbeitsbasis tun / Auch Trainer selbst sind gefragt

Das Spiel ist der beste CoachNeue Folge von "Mit Abstand bestes Training" mit dem neuen MHC-Trainer Andreu Enrich

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Burnout: Wenn der Trainerberuf Leiden schafft

Vereine und Verbände können viel für gesunde Arbeitsbasis tun / Auch Trainer selbst sind gefragt

18.11.2020 – Immer wieder, wenn Medien über Suizid berichten oder im Bekanntenkreis jemand „ausbrennt“ und so zumindest zeitweilig arbeitsunfähig wird, poppen Begriffe wie Burnout und Depressionen auf. Um dann fast genauso schnell wieder zu verschwinden. Aus Unkenntnis, Scham oder Ratlosigkeit wird das Thema meist nicht weiter vertieft. Dabei sind gerade die Prozesse hinter einem Burnout schleichend und auch im Hockeyumfeld präsent. Das zeigt nicht zuletzt der emotionale Beitrag von Hockeytrainer Chris Faust (Foto: 2012 als Nationaltrainer der tschechischen Damen) Ende Oktober in den sozialen Medien. Der passionierte Hockey-Fachmann erinnert dort eindrucksvoll an seinen Burnout vor vier Jahren. Sportpsychologe Dr. Sebastian Altfeld, der mit Faust zusammen an der DOSB-Trainerakademie Seminare zum Thema anbietet, sieht Vereine und Verbände, aber auch Öffentlichkeit und die Trainer selber noch immer nicht ausreichend auf die Themen Burnout und Depressionen vorbereitet.

„Gegen die Wand, hinein ins neue Leben!“, so bringt Chris Faust in seinem sehr persönlichen Rückblick (externer Link) auf den Punkt, was ihn in eine Depression und zum Burnout brachte – bis zum Wendepunkt im Herbst 2016. Faust hat öffentlich gemacht, was häufig im Verborgenen bleibt, auch, weil Beteiligte aus Scham darüber nicht reden wollen – oder weil es keinen Platz dafür im erfolgsorientierten Leistungssport gibt. Da geht es mehr darum, das positive Bild von sich aufrecht zu erhalten, keine Schwäche zu zeigen, andere nicht im Stich zu lassen oder auf keinen Fall den Eindruck zu erwecken, man sei psychisch krank und damit eventuell gar „verrückt“.

Wer viel zu tun hat, vergisst das zu tun, was ihm guttut

Diese Aspekte verhindern, dass Betroffene frühzeitig Hilfe suchen. Stattdessen geraten sie in einen Teufelskreis. Diesen beschreibt Sportpsychologe Dr. Sebastian Altfeld so: „Die typische Reaktion von Menschen, die viel zu tun haben, ist, nicht mehr Dingen nachzugehen, die Energie geben.“ Sprich, sie schlafen weniger, essen schlechter, gehen nicht mehr zum Sport oder vernachlässigen die Pflege privater Kontakte – und das über einen langen Zeitraum. Aus Sicht des Experten bergen solche Muster, gerade wenn Hilfe ausbleibt, die Gefahr der Untererholung. Denn genau das ist gemeint, wenn vom Burnout die Rede ist: Experten sprechen hier vom „Risikozustand langanhaltender Untererholung“. Dann werden auch körperliche Symptome erkennbar: „Erschöpfung, Tinnitus, Magen, Rücken – ganz Unterschiedliches“, so Altfeld. Bleibt jemand in diesem Zustand, weil eigene Stressregeln wie Perfektionismus, Keine-Schwäche-Zeigen oder Niemanden-Hängenlassen dazu beitragen, können aus diesem Risikozustand je nach Konstellation schwerwiegende Erkrankungen werden. „Depressionen entstehen, wenn ich dazu tendiere, mir selbst Schuld zu geben, von mir zu erwarten, das müsste ich doch können“, zählt Altfeld auf und ergänzt: „Oder wenn ich zum Beispiel keine Zeit oder keine Kraft mehr habe, das zu tun, was für mich wertvoll ist. Im Vergleich zum Burnout geht eine Depression also sehr viel weiter, weil dort noch Gedanken einhergehen wie eine negative Sicht auf sich selbst oder auf die Zukunft.“

Ehrenamtliche Vereinsführung muss gesunde Entwicklungsmöglichkeiten schaffen

Dabei hängt die Frage, warum die einen Menschen in einen Burnout geraten und die anderen nicht, von unterschiedlichen Faktoren ab. Neben dem Umstand, der Leute daran hindert, sich Pausen zu nehmen, ist es immer auch ein Zusammenspiel verschiedener äußerer Bedingungen und der eigenen Einstellung. Hier sieht Altfeld auch die Verantwortlichen in Vereinen und Verbände in der Pflicht: „Ein wichtiger Aspekt sind vernünftig ausgebildete Führungskräfte, die gute Entscheidungen treffen und ihren Mitarbeitern so einen Rahmen bieten können, sich gesund zu entwickeln.“ Das Konfliktpotential wird hier schnell klar: Ehrenamtliche Vorstände in Entscheidungspositionen, nicht selten mit wenig Führungserfahrung, treffen auf fachlich qualifizierte und kompetente Trainer, die in ihrem Hauptberuf auf diese Führungskräfte angewiesen sind. Bei falscher Führung kann so Frust vorprogrammiert sein.

Professionalisierung ist nur dort möglich, wo Geld und Manpower stimmen

Dabei ist der Weg, Strukturen zu schaffen, die Trainer vor Überlastung und Erschöpfung schützen, kein Hexenwerk. An den richtigen Stellschrauben können auch ehrenamtliche Vorstände drehen. „Sinnvoll ist ein gesunder Wachstumsplan, der Trainer und Mitarbeiter schützt“, so Altfeld, „dazu gehört auch das gesunde Umsetzen von Visionen, nicht auf Teufel komm raus auf Kosten von Mitarbeitern.“ Das heißt im Klartext, dass Professionalisierung auch die notwendigen finanziellen Mittel und das entsprechende Personal braucht, um gesunde, stabile Strukturen zu schaffen. Der Sportpsychologe wird da deutlich: „Wenn wir als Verein sagen, dass wir zwar aufsteigen wollen, der Trainer dafür aber halt 60, 65 Stunden arbeiten muss, weil wir leider kein Geld für einen Co- oder Assistenztrainer haben – dann können wir eben nicht aufsteigen.“ Gleichzeitig werden Trainer an Erfolg und Misserfolg gemessen, können auf diese Faktoren im Wettkampf aber nur bedingt Einfluss nehmen. Werden ihre Entscheidungsspielräume dann noch weiter eingeengt, weil neue Aufgaben hinzukommen oder Mitsprache bei neuen Spielern erschwert ist, verschärft sich der Spannungszustand, der negative somatische und psychische Folgen haben kann.

Die Führung muss eigene Strukturen des Trainers annehmen

Hier sind die Leitungskräfte gefragt: Sie sollten ihre Trainer dabei unterstützen, selbst Mechanismen für mehr Freiräume zu etablieren. So müssen Übungsleiter nicht rund um die Uhr auf Kontaktversuche reagieren und können durchaus Telefon- oder E-Mail-Zeiten festlegen: „Grundsätzlich erreichbar zu sein, erhöht die Wahrscheinlichkeit von hohem Stressempfinden“, kritisiert Altfeld, „ein Trainer lernt dadurch auch nicht: Guck mal, es passieren nicht gleich Katastrophen, wenn ich mal nicht erreichbar bin.“ Das macht dann natürlich auch eine entsprechend positive Reaktion von Vorstand oder Führung notwendig: Statt „Wieso ist dein Handy aus?“ heißt es somit „Ja, du hast bestimmte Erreichbarkeiten.“

Auszeiten und Freiräume statt Hamsterrad

Der nächste wichtige Punkt: Die Nachsaison. Sie offenbart folgendes Paradoxon: Durch Training und Wettkampf gehen Trainer und Mannschaft gemeinsam. Spielern wird dann in der Saisonvorbereitung und nach den Wettkämpfen Zeit zur Erholung eingeräumt, sogar eingefordert. Von Trainer wird in dieser Phase aber erwartet, die nächste Einheit oder die nächste Spielzeit zu planen. Hier wünscht sich Altfeld, dass Trainer nach der Saison auch wirklich eine Auszeit, ihren Urlaub, nehmen müssen. Auch mit Blick auf intensive Trainingswochen hat Altfeld klare Anregungen: „Wenn Freiräume geschaffen werden, können Trainer etwas aus ihrem Hamsterrad rauskommen. Da könnte auch ein Szenario sein: Der Trainer darf einen Tag freihaben und wird dann nicht gestört.“ Die Einheit kann dann der Co-Trainer übernehmen und dafür an einem anderen Tag freihaben. „Nur, weil jemand im Sport ist und das sein Hobby ist, heißt das nicht, dass die Person rund um die Uhr, 24 Stunden erreichbar sein muss“, unterstreicht der auch als psychologischer Psychotherapeut tätige Altfeld.

Trainer können eigenen Beitrag zur Verbesserung der Situation leisten

Dabei ist es dem Sportpsychologen wichtig, darauf hinzuweisen, dass kein Strukturproblem vorliegt: „Es ist ein Zusammenspiel von Rahmenbedingungen, schlechter Führung und auch einem Trainer, der sich im ungünstigen Fall vor den Karren spannen lässt.“ So kann Unmut zwar zum einen schlecht verpackt sein, genauso kann er aber auch falsch aufgenommen werden. „Ich kann Kritik entweder nach dem Motto einordnen, die Person könne es einfach nicht besser“, zeichnet Altfeld die eine Seite der Medaille und führt weiter aus: „Oder ich kann sagen: Und schon wieder kriege ich einen drüber!“ Demzufolge sollten auch Trainer durch Weiterbildung einen Beitrag zur Verbesserung der eignen Situation leisten: Umgang mit Stressgedanken, Konfliktbereitschaft, Erholungsstrategien und Zeitmanagement lassen sich schulen, ebenso wie der Umgang mit Medien.

Die öffentliche Meinung: Mehr reflektieren statt impulsartig reagieren

Denn die nächste große Herausforderung im Sportgeschäft steckt in der Öffentlichkeit. „Das ist ein Thema nicht nur in Bezug auf Trainer-Burnout, wie man ja gerade in der Corona-Pandemie sieht“, stellt Altfeld fest. Doch gerade in Bezug auf Burnout erschwert die öffentliche Meinung auch den Versuch Betroffener, zu ihrer Erschöpfung zu stehen: Wo Leute unreflektiert und verständnislos reagieren können, steigt die Angst vor genau dieser Stigmatisierung. Auch wenn es Gegenbeispiele gibt, meint Altfeld klar: „Die Sorge davor, wie Öffentlichkeit oder auch Medien reagieren, ist gegeben und darf nicht einfach mit den Worten ‚Nein, werden sie nicht!‘ weggewischt werden. Man schaue sich an, wie unreflektiert manchmal auf Facebook irgendwelche Kommentare unter Meldungen gesetzt werden: Einem meiner Klienten und dessen Familie wurde der Tod gewünscht , weil dieser einen Elfmeter verschossen hatte.“ An dieser Stelle wird der Sportpsychologe nachdrücklich: „Wenn Menschen soziale Medien nutzen, denken sie leider zu selten darüber nach, welche Konsequenzen das eigene Handeln für Menschen haben kann.“ Altfeld sieht hier einen Bildungsauftrag, bei dem es nicht vordergründig darum geht Menschen intelligenter zu machen, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, eigenes Handeln besser reflektieren zu können. Denn Social Media fördert in den Augen des Sportpsychologen undurchdachtes, reflex- und impulsartiges Reagieren. Altfeld wünscht sich, dass Menschen das schon in der Schule lernen, statt später in Therapien: „Ein eigenes Fach, das Menschen vermittelt, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche Fallen es uns leider manchmal stellt. Da lernt man dann beispielsweise: Ach krass, ein Gefühl beweist noch nichts. Es ist vielmehr ein Hinweis, Erlebtes zu überprüfen. So heißt Angst zum Beispiel nicht sofort, dass die Situation auch gefährlich ist.“ (ao)

Dr. Sebastian Altfeld ist Sportpsychologe, Mentalcoach, Leistungssportler, Leistungstrainer und Schiedsrichter (externer Link). Er promovierte mit der Dissertation „Burnout bei Trainern: Einflussfaktoren und Verlauf bei deutschen Trainern“.
Der weiterführender Artikel zum Thema „Dem Ausbrennen vorbeugen: Welche Faktoren Trainer bedrohen und wie sie sich schützen können“ von Dr. Sebastian Altfeld u. a. wurde in der DOSB-Fortbildungszeitschrift „Leistungssport“ Ausgabe 5/2016 (Volume 46) veröffentlicht.
Das Interview mit Hockeytrainer Chris Faust und Sportpsychologe Sebastian Altfeld erschien in der Deutschen Hockey-Zeitung 37/2020 am 17. November 2020.

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