Oruz: Jammern kostet EnergieInterview mit dem Olympia-Bronzegewinner zur EM und zum Umgang mit der Krankheit Diabetes Typ 1

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Timur Oruz: Jammern und Nörgeln kostet nur Energie

Interview mit dem Olympia-Bronzegewinner zur EM und zum Umgang mit der Krankheit Diabetes Typ 1

19.08.2019 - Olympia-Bronzegewinner Timur Oruz, 24, spricht im Interview über die aktuelle Lage der deutschen Herren bei der Europameisterschaft in Antwerpen. Er gibt aber auch tiefe Einblicke in die Umstände seiner Diabetes-1-Erkrankung und die Vorbild- und Botschafterrolle, die er in Zusammenhang mit der Erkrankung inzwischen in der Öffentlichkeit einnimmt.

Timur, kommen wir zuerst zum sportlich Aktuellen hier bei der EM. Man hat gestern Abend nach dem 2:3 gegen Holland gemerkt, dass das Team extrem angefressen war...
Timur Oruz: „Ich halte das für ein gutes Zeichen! Es zeigt, was wir uns vorgenommen haben. Und wir haben es dann den Holländern zu einfach gemacht, ihre Tore zu schießen. Es haben die letzten paar Prozente auf dem Platz gefehlt. Doch wir wissen jetzt, wie es geht gegen die Niederlande, und dass wir sie in Reichweite haben. Mats hat dann auch schnell die richtigen Worte gefunden, dass ja noch gar nichts passiert ist. Die Stimmung ist jetzt auch schon wieder besser. Wir freuen uns auf das Match morgen gegen Irland.“

So weit weg wart Ihr ja auch nicht von den Holländern, oder?
Timur Oruz: „Nein, und wir haben erkannt, dass es daran lag, dass wir in ein paar Szenen nicht richtig performt haben. Es war nicht so, dass Holland uns hergespielt hat. Wir haben heute auch die Statistiken der Partie bekommen und es war seit langer Zeit das erste Spiel gegen die Niederlande, in denen wir bei fast allen Bereichen besser waren – Kreiseintritte, Ballbesitz, Torschüsse, Ecken. Und trotzdem verlieren wir das am Ende 2:3. Und dafür gibt es Gründe, die wir kennen.“

Jetzt kommt Irland im entscheidenden Spiel, gegen die Ihr zuletzt immer enge Matches hattet...
Timur Oruz: „Richtig. Und man muss auch vorsichtig sein, die an den bisherigen Ergebnissen zu messen. Holland hat die Iren überrannt. Und das 3:3 gegen Schottland war auch ein komisches Spiel. Die sind schon besser. Und trotzdem müssen wir klar sagen, dass wir das Match gewinnen, wenn wir es schaffen, unsere Leistung voll abzurufen.“

Was ist denn jetzt eigentlich das definierte Mannschaftsziel für die EM?
Timur Oruz: „Wir wollen hier mal wieder eine Medaille gewinnen, wollen aufs Podium! Es ist zwar richtig, dass es für die Weltrangliste und die Olympia-Qualifikation auch wichtig ist, vor England zu landen, um bei der Quali in Lostopf eins zu kommen, aber wenn wir am Ende Vierter werden und England Fünfter, dann war das trotzdem kein gutes Turnier.“

Kommen wir zu einem anderen Aspekt Deiner Sportkarriere, beziehungsweise Deines Lebens: Du bist einer der wenigen Hockey-Spitzenspieler weltweit mit Diabetes 1. Aber Du sagst nicht: Ich habe in Rio Bronze gewonnen trotz Diabetes 1, sondern wegen Diabetes 1. Wie ist das zu verstehen?
Timur Oruz: „Ich habe dieser Krankheit, die ich im Alter von fünf Jahren bekommen habe, tatsächlich viel zu verdanken. Ich bin dadurch früher erwachsen geworden, disziplinierter - was mir in der sportlichen und menschlichen Entwicklung viel gebracht hat.“

Ist es richtig, dass es eine Krise war, aus der Du Deine Motivation zu einer Botschafterrolle für Menschen mit Diabetes 1 entwickelt hast?
Timur Oruz: „Ich hatte nach dem Abi eine vierjährige Phase, die mich sehr frustriert hat. Erst habe ich lange keinen Studienplatz für Medizin bekommen, habe da mit allen gesprochen, vom damaligen Innenminister de Maizière bis hin zu DOSB-Geschäftsführer Michael Vesper, weil ich nicht verstanden habe, dass Leistungssportler da nicht unterstützt und bessergestellt werden. Dann kam meine Knieverletzung 2017 in Indien. Als ich da im Hospital in Bhubaneswar die Kacheln an der Decke angestarrt habe, kam mir der Gedanke, ob ich je wieder Hockey spielen oder gar mit meinen Kindern später Fußball spielen kann oder immer der Humpel-Vater sein werde.“

Das hat etwas in Dir ausgelöst?
Timur Oruz: „Genau! Ich habe erkannt, dass man sehr genau schauen muss, wofür man seine Energie aufwendet. Dass man seine Energie zielgerichtet einsetzen sollte. Beides hat sich zum Guten gewendet, weil ich aufgehört habe zu jammern, und stattdessen mit viel Aufwand auf ein Ziel hingearbeitet habe. Ich habe den Studienplatz in Witten bekommen, auch wenn das mit viel Fahrzeit verbunden ist, und habe die Reha nach der Verletzung viel schneller abgeschlossen als gedacht. Nörgeln kostet viel zu viel Energie!“

Und diese Einstellung vermittelst Du anderen Menschen mit Diabetes 1 jetzt auch?
Timur Oruz: „Das ist eine Botschaft, ja. Aber es geht generell darum, dass bei dieser Krankheit der Austausch unter Betroffenen unfassbar wichtig ist. Da profitiert jeder von jedem. Die insgesamt ja schlimmere Form Diabetes 1 haben in Deutschland viel weniger Menschen als Diabetes 2 – die oft ja bei Fettleibigkeit und als Altersdiabetes auftritt. Deshalb wird für Diabetes-2-Patienten auch viel mehr getan. Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, über das Leben als Leistungssportler mit Diabetes 1 zu informieren, halte Vorträge sowohl vor Ärzten, Pharmavertretern und Diabetes-Beratern, als auch vor Schülern und anderen Sportlern.“

Wo bringst Du solche Termine neben Leistungssport und Studium denn auch noch unter?
Timur Oruz: „Ich gebe zu, es wird jetzt manchmal schon knapp, weil die Anfragen erheblich zunehmen. Aber man findet immer Lösungen. Wenn wir nach Mannheim zum Ligaspiel fahren, reise ich etwas früher an, halte ich am Vormittag einen Vortrag und spiele nachmittags das Bundesligaspiel mit Köln. Ich bin bei Rot-Weiss Köln über die Gothaer Versicherung angestellt und werde da in diesem Bereich auch eingesetzt. Das hilft mir natürlich auch.“

Und Deine Hauptbotschaft an die Kids mit Diabetes 1 ist?
Timur Oruz: „Die lautet: Verfallt nicht in negative Gedanken! Wenn man mit der Krankheit zu leben lernt, kann man alles erreichen. Wenn man von Vorneherein sich davon beeinflussen lässt, dass diese Krankheit statistisch gesehen die Lebenserwartung auf 50 oder 60 Jahre reduziert, macht einen das nur runter. Wenn du die Krankheit annimmst und Deine Ernährung und medizinische Versorgung gut einstellst, kannst Du auch 70 oder 80 damit werden. Vor allem: Dann genieße doch bitte die Jahre noch ein bisschen mehr – mach was draus! Es bedeutet aber auch, dass es nicht sein kann, dass Diabetes-1-Patienten um die besten Medikamente betteln müssen. Die Versorgung muss optimal sein!“

Wieviel macht für solche Kids ein Vorbild aus?
Timur Oruz: „Ich kann da nur von mir sprechen. Ich hatte als Kind nicht Ronaldo oder Messi als Idol, sondern Dimo Wache, den Keeper von Mainz 05, der auch Diabetes 1 hat. Seine Autogrammkarte hing noch lange bei mir an der Wand. Nach dem Film „Ecke, Schuss, Gold“, in dem die Diabetes-Spritze bei mir auch eine kleine Rolle gespielt hat, hatte ich plötzlich etliche Nachrichten von Kids, die auch Diabetes 1 haben und die überrascht waren, dass ich es auch habe. Da ist bei mir die Erkenntnis gekommen, dass ich jetzt vielleicht für viele das Vorbild sein kann, das Dimo Wache für mich war.“

Dafür braucht man aber ja auch ein Netzwerk...
Timur Oruz: „Stimmt. Ich stehe in ständigem Kontakt mit Ulrike Thurm, die die bekannteste Diabetes-Beraterin in Deutschland ist. Und ich habe mich auch mal mit Calle Fischer (Hockey-Olympiasieger 1992, Anm. d. Redaktion) unterhalten, der Arzt ist und selbst Diabetes 1 hat. Lange Zeit war Gewichtheber-Olympiasieger Matthias Steiner ein Vorbild für dieses Krankheitsbild in der deutschen Öffentlichkeit. Ich habe nichts dagegen, diese Rolle zu übernehmen.“

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